Wirkung

In Schillers 1796 entstandenden Gedicht „Pompeji und Herkulaneum“ liest man die Quelle seiner Gedanken heraus. Es sind die „Sendschreiben“ und „Nachrichten“ von Winckelmann, die ihm als Vorlage dienten. Schiller preist die Wiederbelebung der beiden Städte und es gelingt ihm die Lebendigkeit der versunkenen Städte aufzuzeigen. Er erschafft eine Atmosphäre, die der Geschäftigkeit und der Dynamik einer römischen Stadt aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert gerecht wird. Winckelmann hat dieses Aufzeigen leider nicht zu seinem primären Ziel gemacht. Vielmehr gleichen seine Schriften mehr Bestandsaufnahmen oder an manchen Stellen sogar einem bezugslosen Katalog. Aber immer dort, wo er einen Bezug herstellt, sei es zum gegenwärtigen Leben oder sei es zu literarischen Quellen, nehmen die Beschreibungen Konturen an, die Winckelmann zu dem hoch geschätzten Gelehrten seiner Zeit machen.

Wenn Max Kunze schreibt: „Nicht das Erforschen, das Ausgraben an sich, steht bei Winckelmann im Zentrum, sondern das Publizieren; neue Funde sind für ihn nur so bedeutsam wie die aus ihnen gewonnen Erkenntnisse“, so hat Winckelmann hier nur den ersten Teil abgeliefert: die Publikation. Die Erklärungen und Erkenntnisse finden sich erst in seinen folgenden Schriften, wie z.B. in der „Geschichte der Kunst des Alterthums“.

Winckelmanns Schriften sind mittlerweile vorwiegend zum „Gegenstand der Germanistik und der Kulturgeschichte“ geworden. Mit den „Sendschreiben“ und den „Nachrichten“ präsentierte sich Winckelmann aber als Archäologe seiner Zeit, dessen Aufgaben die Katalogisierung, Beschreibung und Publikation der Altertümer waren. So bezeichnet der Name Winckelmanns die „(grabungs-)archäologische Wende vom Buch zur Evidenz und vom Text zum Objekt“. Denn seine stilgeschichtlichen Einteilungen von Kunstwerken, deren Erkenntnisse er seinen Besuchen von Pompeji und Herkulaneum verdankt, lassen ihn zum Begründer der modernen Kunstwissenschaft und der klassischen Archäologie werden.

Seine schwere „historische Unterlassungssünde“ die Buntheit der pompejanischen Malereien nicht genügend gewürdigt und in den Vordergrund gestellt, und somit das Bild von einer „weißen Antike“ aufrechterhalten zu haben, ist vor dem Hintergrund seiner philologischen Ausbildung zu bewerten. Winckelmann war zu sehr literarisch bewandert, als dass ihn die Farben in erster Linie ansprachen. Für Winckelmann waren immer die Motive, welche er aus den schriftlichen Überlieferungen kannte, das Entscheidende. Wie sehr er sich von Darstellungen ansprechen ließ, zeigt sich an seinem Kommentar zu den Satyrn-Bildern. Am deutlichsten werden seine Prioritäten aber in der Verkennung des von Mengs gefälschten Gemäldes „Zeus und Ganymed“. Mengs, bewandert mit den Dominanzen Winckelmanns, wählte dieses Motiv und die Konzeption bedacht und anlehnend an die Satyr-Bilder, um Winckelmann bewusst zu täuschen. Exemplarisch kann hier auch seine Bewunderung und der Hymnus an den „Apoll von Belvedere“ genannt werden. Denn auch hier preist er das Individuum, das Kunstwerk und nicht den Künstler.

Winckelmanns langjährige Lehrzeit – bis zu seinem Erscheinen in Rom – und seine kurzen aber wirkungsvollen Meisterjahre prädestinierten ihn zum Sprachrohr einer Epoche zu werden, die gegenwärtig noch in vielen Bereichen ihre Spuren zeigt. Die sichere Handhabung der Philologie – denn es gilt auch heute noch, dass zuerst die schriftlichen Zeugnisse aufzusuchen sind und dann erst die Realien – ermöglichten ihm, in den Überresten der Städte und in ihrem Inventar viele richtige Ansätze zu erschließen.