Winckelmann Biographie

Sein Werdegang bis Rom

Johann Joachim Winckelmann wurde am 9. Dezember 1717 in Stendal als Sohn eines armen Schusters geboren. Nicht nur dieser Umstand ließ kaum erahnen, dass seine Geburtsstadt Stendal ihm 126 Jahre (1843) später ein Denkmal errichten sollte. Die Inschrift wird lauten: „Johann Joachim Winkelmann; dem Erforscher und beredeten Verkünder der Kunst des Alterthums“. Auch die Herrschaft Friedrich Wilhelm I., des Soldatenkönigs, war für einen angehenden Kunsttheoretiker nicht gerade förderlich. Denn der erste König von Preußen gab die gerade aufblühende Kunst in seinem Land zu Gunsten der Ökonomie auf. Bezeichnenderweise wird Winckelmann sich nie als Preuße fühlen, sondern seine Vaterlandsgefühle gelten Sachsen. Allerdings hatte der Ökonomiegedanke Friedrich Wilhelm I. auch etwas Gutes für Winckelmann: Der Erlass der allgemeinen Schulpflicht im Jahre 1717, verhalf ihm zu einer einfachen vierjährigen Schulbildung.

Hier muss Winckelmanns Talent für Sprachen aufgefallen sein, denn im Anschluss wechselte an die Lateinschule, wo der Rektor Esaias Wilhelm Tappert ihn unterstützte und förderte. Ungeachtet dessen trägt auch Winckelmann seinen Beitrag zum Schulgeld als fahrender Kurrendesänger bei. Auch wenn das an der Schule unterrichtete Latein und Griechisch vorrangig die Religionsgeschichte behandelt, entdeckt hier Winckelmann seine Liebe zum Griechischen. Um sich in der griechischen Sprache weiterzubilden wechselt er an das Cöllnische Gymnasium nach Berlin. Die Begegnung mit dem Lehrer Christian Tobias Damm prägt ihn nachhaltig. Übernimmt er doch später sinngemäß einen Ausspruch von diesem: „Die Griechen müssen noch heute nachgeahmt werden, wenn etwas Beifallwürdiges zum Erscheinen kommen soll.“ Bei Winckelmann heißt es später in seinem Erstlingswerk: „Der einzige Weg für uns groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“

Bedingt durch seine ärmliche Herkunft nimmt Winckelmann 1738 in Halle ein Theologiestudium auf. Für begabte Kinder aus den niederen Schichten die einzige Möglichkeit zu studieren, einen Umstand, den er mit vielen anderen Studenten in verschieden deutschen Staaten teilt. In Halle lehrt auch Alexander Gottlieb Baumgarten, der als Begründer der deutschen Aufklärungsästhetik gilt, dessen Verdienst es ist, die Ästhetik in die Sprache der Wissenschaft eingeführt zu haben. Insgesamt zeichnet sich Winckelmann nicht als emsiger Student aus, sondern war vielmehr in den Bibliotheken anzutreffen, wo er mit Vorliebe griechische Literatur las.

Im April 1743 erhält Winckelmann eine Stelle als Konrektor in der Schule in Seehausen. Diese Zeit ist für ihn ein Martyrium. Später wird er in Briefen schreiben: „Wenn ich zuweilen an den Schulstand zurück dencke, so wundert mich, daß ich meinen Nacken unter der Last und dem Stolz eines vermaledeyten Pfaffen so lange habe bäugen können.“ Auch von seinen Schülern weiß er nichts Gutes zu berichten; so schreibt er von „Kindern mit grindigten Köpfen“, denen er das „ABC lesen“ ließ, während dessen er sich nichts sehnlicher „wünschte zur Kenntnis des Schönen zu gelangen, und Gleichnisse aus dem Homerus betete.“

1748 erhält Winckelmann eine Stelle als Bibliothekar bei dem Grafen Heinrich von Bünau, um diesem bei der Erstellung eines Geschichtswerkes zu einer Kaiser- und Reichshistorie zu unterstützen. Bünau verfügte auf seinem Schloss in Nöthniz über eine, über die Landesgrenzen hinaus bekannte, Bibliothek von Zweiundvierzigtausend Büchern. Unter den Gästen und Besuchern war auch Albergio Archinto, der Nuntius des Papstes. Archinto muss von Winckelmann beeindruckt gewesen sein, denn er bot ihm die Stelle des Bibliothekars in Rom bei Kardinal Passionei an. Hier sollte Winckelmann für Dreihunderttausend Bücher verantwortlich sein. Am 17.9.1754 quittierte er den Dienst bei Bünau.

Bevor er aber nach Rom ging, machte Winckelmann noch in Dresden Station. Dieser Aufenthalt, der anfangs nur für ein bis zwei Monate geplant war, dehnte sich auf ein ganzes Jahr aus. War Winckelmann bisher nur der Geschichte zugetan, wendet er sich nun der Kunstliteratur zu. Von dem englischen Maler und Theoretiker Jonathan Richardson übernimmt er den berühmten Ausspruch, der edlen Einfalt und der stillen Größe. Noch prägender ist seine Freundschaft zum Maler Adam Friedrich Oeser. Der Dresdener Hofmaler führt ihn nicht nur in die Grundtechniken des Malens ein, sondern entscheidender ist es, dass dieser Winckelmanns Auge für die Kunst schult. Hierdurch war Winckelmann überhaupt erst in der Lage sein bahnbrechendes Werk „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“ zu schreiben.

Diese Schrift wird kurz vor seiner Abreise nach Rom gedruckt. Sie machen Winckelmann in kürzester Zeit in ganz Europa bekannt. Thematisch behandelt Winckelmann darin auch die Antikensammlung von Dresden mit weit über zweihundert antiken Skulpturen. Auch wenn er der Meinung war, die Antikensammlung sei der größte Schatz von Altertümern, fanden aber nur die drei „Herculanerinnen“ und einige wenige andere Statuen Einzug in seine Schrift.

Am 18 November 1755 kommt Winckelmann in Rom an. Ein Stipendium des Sächsischen Hofes zur Beendigung seines Kunststudiums in der Höhe von 200 Reichstalern jährlich versetzte ihn in die Lage, zunächst einmal nicht als Bibliothekar arbeiten zu müssen. Dafür erwartete der Dresdener Hof mit Neuigkeiten aus Pompeji und Herkulaneum versorgt zu werden. Denn nicht erst seit dem Ankauf der berühmten „Herculanerinnen“ war Friedrich Christian von Sachsen an den Ausgrabungen interessiert. Vielmehr war seine Liebhaberei bei einem Besuch in Portici und Neapel 1738 geweckt worden.

Winckelmanns Rom Aufenthalt unterscheidet sich in allen Maßen von seinem bisherigen Leben. Ob es nun die Freundschaft zu dem Maler Anton Raphael Mengs und zu dem Bildhauer und Antikenrestaurator- und kopist Bartolomeo Cavaceppi, die Bekanntschaft mit Giovanni Battista Casanova, die Nachbarschaft zu dem Maler Piranesi, die Unterbringung bei Kardinal Albani oder eine Privataudienz bei Pabst Benedikt XIV ist, er wird hier als angesehener Gelehrter empfangen, nichts erinnert mehr an den gemeinen Lehrer aus Preußen. Durch den Katalog zur Gemmensammlung (1760) des Barons Stosch wird er in den Akademien „Academi di S. Luca zu Rom“, „Accademia Etrusca zu Cortona“ und die „Society of Antiquaries of London“ aufgenommen. Den Gipfel seiner Kariere erreicht er 1763, als ihn der Vatikan zum Oberaufseher aller Altertümer in und um Rom ernennt. Eine Tätigkeit die mehr mit Prestige als eigentlichen Arbeiten zu tun hat. Denn Winckelmann hat zwei Assistenten, so dass er selbst für diese Arbeit keine „zehn Stunden im ganzen Jahr“ benötigt.

Inspiriert durch viele Einflüsse nimmt die Produktivität Winckelmanns zu. In Zusammenarbeit mit Mengs schreibt er mehrere Essays über den Geschmack antiker Bildhauer und die Restaurierung von Statuen. Die Beschreibungen der berühmten Belvedere Statuen, wie z.B. der „Apoll von Belvedere“oder die „Laokoon-Gruppe“, bleiben für ihn aber zunächst noch „unvollendet, da er einen entscheiden Punkt (…) nicht hatte klären können: den griechischen Ursprung dieser berühmten Statuen.“ „Ich werde aber den Schluss nicht machen können, ehe ich nicht Neapel gesehen; denn die Zeit, in welcher diese Statuen gearbeitet sind, muss durch Vergleichung der Herculaneischen, wo möglich bestimmt werden.“ In Herkulaneum und Pompeji hofft er die stilistischen Eigenarten von griechischer zur römischer Kunst herausarbeiten zu können.