Sendschreiben von den Herculaneischen Entdeckungen

Das „Sendschreiben“ entstand im Juni 1762 auf dem Sommersitz des Papstes. Winckelmann verarbeitete hier die Eindrücke seiner ersten und zweiten Neapelreise. Das Buch ist klar gegliedert. Der Anrede an den Grafen Brühl folgt auf vier Seiten die Topografie der Vesuvstädte. Daran anschließend erklärt Winckelmann auf zwei Seiten die Umstände des Vulkanausbruches und den Untergang der Städte. Vier Seiten widmet er der Wiederentdeckung der Städte und ihrer Ausgrabungsgeschichte. Dann erst folgt der Haupttext auf 57 Seiten, in dem er die Funde aus Herkulaneum, Pompeji und Portici erläutert. Das Sendschreiben schließt mit einem kleinen Exkurs über das Museum in Portici und dem Schlusswort an den Grafen.

Die Erklärung der Topografie nimmt Winckelmann zum Anlass sich mit dem griechischen Geografen Strabon auseinander zu setzen. Es bietet sich dadurch für ihn auch die Möglichkeit die Aussagen der neapolitanischen Gelehrten in Frage zu stellen und zu verbessern, die für Winckelmann durch ihre teilweise Unkenntnis ein Zeichen ihrer „Ungelehrtheit“ zeigen. Ihren Erklärungsversuch des griechischen Wortes für Landzunge – dass sie durch mangelndes Wissen mit Vorgebirge übersetzen – begründen sie ebenso wenig einleuchtend, wie Winckelmanns Antwort darauf spöttisch ist. Der Erklärung, dass man als Anfänger der griechischen Sprache schon wisse, dass diese Wortbedeutung Vorgebirge heiße, begegnet Winckelmann: „Ich bin etwas mehr, als ein Anfänger in derselben, kann mich aber dergleichen Gebrauch des Wortes (…) nicht entsinnen.“ Noch vernichtender fällt sein Urteil für den Erklärungsversuch der neapolitanischen Gelehrten zu den Namensgebungen zu Pompeji und dem Vesuv aus. Für deren Idee die Namen aus dem hebräischen herzuleiten, hat Winckelmann nur die Antwort: „Viele Gelehrte suchen etwas neues zu sagen, auch mit dem Nachtheil der Meynung von einem gesunden Menschenverstand.“

Die Umstände des Vulkanausbruchs und der Untergang der Städte Herkulaneums und Pompejis lassen sich für Winckelmann deutlich anhand der Fundsituationen erkennen. Nach den Fundumständen schließt er darauf, dass Herkulaneum durch glühend heiße Asche zerstört wurde, auf den ein Wolkenbruch mit starken Regen folgte. Anschließend erst wurde Herkulaneum mit Lava überdeckt. Im Vergleich dazu betrachtet, war in Stabia und Pompeji die Wasserüberschwemmung nicht so stark, auch war die Lava nicht so heiß. Daher sind diese beiden Städte besser erhalten. Winckelmann sieht für dieses Szenario eine Analogie zu einem Ausbruch im Jahre 1631, bei dem die Asche ebenfalls von einem Wolkenbruch begleitet war.

Der Vulkanausbruch führt ihn zu der Frage, was die Menschen in der Antike von dem Vesuv und seiner Gefährlichkeit wussten. Da Strabon nur Entzündungen am Berg nennt, und Höhlen in denen Steine lägen, die gebrannt hätten und Diodorus sogar nur von Entzündungen berichtet und selbst Plinius der Ältere, der sein Leben beim Ausbruch 79 verloren hat, in vorigen Beschreibungen nichts vermeldet, schließt Winckelmann daraus, dass die Bewohner von ihrem Damokles-Schwert nichts wusste.

Die Wiederentdeckung der Städte bietet die Gelegenheit nach dem Bericht über die Geschichte der Entdeckung des Theaters von Herkulaneum durch Prinz Elbeuf, den Verbleib der geborgenen „Herculanerinnen“ darzustellen. Winckelmann zeichnet ihren Weg von ihrer Entdeckung bis zur Aufstellung in den Dresdener Antikensaal nach. Die Ausgrabungsmethoden bieten Winckelmann viel Raum für Kritik. Sei es, dass anfangs keine Lagepläne gezeichnet wurden oder auch die in seinen Augen geringe Anzahl der Arbeiter, die mit den Ausgrabungen beschäftigt waren. Besonders kritisiert er die Methoden der Ausgrabung, bei denen zuvor ausgegrabene Gebäude nach ihrer Plünderung wieder zugeschüttet wurden. Lob hat er in diesem Zusammenhang nur für den Schweizer Carl Weber, der die Leitung der Ausgrabung kurz vor Winckelmanns Ankunft übernommen hatte.

Die Beschreibung der Fundgegenstände ordnet er zwar in Klassen nach Malereien, Statuen, Gebäuden, Gebrauchsgegenstände und den Papyrifunden ein, trotzdem wirken die Aufzählungen zusammenhanglos.

Sehr ausführlich schildert er die Geschichte der Quadriga des Herkulaneischen Theaters. Deren Schicksal es ist, teilweise „zerschmolzen zu zwey großen erhabenen gearbeiteten Brustbildern des Königs und der Königin“ ihr Ende zu finden. Dieser Umgang mit den Antiken ist für Winckelmann immer wieder der Ausdruck „von der Dummheit derjenigen, die an dieser Entdeckung Hand hatten.“

Die Statuen beschreibt er nicht sonderlich ausführlich. Wahrscheinlich liegt dies in dem Umstand begründet, dass es ihm verboten war, Aufzeichnungen zu machen. So erreichen diese Beschreibungen nicht einmal annähernd die Lebendigkeit und Ausstrahlungskraft, die er mit der Beschreibung des „Apoll von Belvedere“ und der „Laokoon-Gruppe“ erreicht hat.

Auf einer Beschreibung des Satyrn mit einer Ziege, die unverkennbar Sodomie betreiben, verzichtetet Winckelmann und gibt nur das Urteil, das aus Marmor gearbeitete Werk „sey sehr schön“. Vielmehr nutzt er nochmals hier die Gelegenheit zu betonen, welche Privilegien er im Museum besitzt, denn diese Figur kann man nur auf eigenhändigen Befehl des Königs sehen.

Bei der Beschreibung der Gemälde im Museum zeigt sich einmal mehr Winckelmanns Art, Kunst zu empfinden. Er nennt zwei Gemälde, eines mit einem Satyr, der ein Mädchen küssen will, ein anderes mit einem Satyr der in einen Hermaphroditen verliebt ist. Sein Kommentar ist „Winckelmann-typisch“: „Wolllüstiger kann nichts gedacht und schöner nichts gemalet seyn.“ Auch in seinem nachgestellten Gedanken – wenn in einer kleinen Stadt wie Herkulaneum schon so schöne Gemälde waren, wie „vollkommen müssen die Werke der großen und berühmten griechischen Maler in den besten Zeiten gewesen seyn.“ – zeigt sich wieder sein Bemühen, alles Schöne auf die griechischen Wurzeln der Kunst zurückzuführen.

Seine präzisen Darstellungen zeigen sich auch deutlich in der Beschreibung zweier Dreifüsse. So schreibt er über die Sphinxen, die die Füße eines Dreifusses bilden: „deren Seitenhaare, welche über den Backen herunterhängen würden, (sind heraufgenommen), so daß sie unter das Diadema gehen, und über das selbe wiederum herunter fallen.“ Diese genaue Beobachtungsgabe zeichnet Winckelmann aus.

Wie schon angemerkt ist Winckelmanns Aufmerksamkeit auf die Papyrifunde gerichtet. Nach der Darstellung der Fundumstände, beschreibt er zunächst mal die Herkunft und Herstellung des Papyrus. Dabei nutzt er die Gelegenheit verschiedene Theorien zur Herstellung gegeneinander auf zu wiegen. Auch der Frage, ob es in der Antike schon Bücher oder nur Buchrollen gegeben habe, geht er intensiv nach. Über drei Seiten lang verwirft er die Theorie des neapolitanischen Gelehrten Matorelli, bevor er sich wieder den Tatsachen widmet. Er merkt an, dass die Buchrollen in Spalten beschrieben und die Worte weder durch Punkt noch Komma getrennt sind. Ebenso erwähnt er die Verwendung der Kursivschrift und die Akzente über den Wörtern. Die Schreibmaterialen und die verwendete Tinte werden auch ausführlich beschrieben.

Zu den Schriften im eigentlichen Sinne kritisiert er den Umstand, dass diese nicht in Kupfer gestochen werden und somit einer größeren Leserschaft zur Verfügung stehen. Ansonsten hält er vom Inhalt des Autors, des Epikureres Philodeemus, nicht viel.