Nachrichten von den neuesten Herculaneischen Entdeckungen

Zwei Jahre waren zwischen seiner zweiten und dritten Reise nach Neapel vergangen. Genügend Zeit um neue Gegenstände in Pompeji und Herkulaneum aufzuspüren. Diese Vielzahl führte Wickelmann denn auch dazu, eine Fortsetzung seiner „Sendschreiben“ zu verfassen.

Nach der Anrede an den Schweizer Johann Füssli verwehrt sich Winckelmann zunächst einmal gegen den Verdacht, er hätte seine Beschreibungen zu den Gemälden aus dem Buch „Pitture d“Ercolano“ abgeschrieben.

Dann setzt er nahtlos an seine „Sendschreiben” an und beschreibt Fundgegenstände und ausgegrabene Gebäude. Das bemerkenswerteste Gebäude ist das pompejanische Theater. Und das Besondere bei dieser Beschreibung liegt in dem Umstand, dass Winckelmann Beobachtetes mit Überliefertem aus der Literatur vergleicht. Für die Beschreibung von Theaterbauten in dem römischen Wirkungsbereich hat sich Vitruv einen Namen gemacht. Und Wickelmann findet nun bei der Begehung des Theaters diesen antiken Schriftsteller bestätigt. Die Vorstellung des Vitruv von der Ausstattung und Einrichtung eines Theaters zeigt sich hier nun in den Einteilungen der Sitze, der Stiegen und der Orchestra. Auch der Aufbau der Szene des Theaters ist nach vitruvischen Vorgaben gebaut, ebenso die Türen, die Nischen für Statuen oder auch die Plätze für die Theater-Maschinen.

Bei Stadthäusern ist Winckelmann das Fehlen von Fenstern aufgefallen. Diese Beobachtung hilft ihm nun eine Stelle des Dichters Apollinius von Rhodos zu verstehen, wo es heißt: „…die Thüre ihres Zimmers zu eröffnen, um den Morgen zu erblicken…“. Was eben die Tatsache belegt, dass es keine Fenster gab. Beachtenswert ist auch, die nicht vorhandene Symmetrie bei der Aufteilung der Räume, für die Winckelmann keine Erklärung hat.

Die Darstellung einer kleinen Bronzefigur nimmt Winckelmann einmal mehr zum Anlass neben der Beschreibung auch Belehrung zu liefern. Die besagte Figur „stellet einen Sänger vor, welcher mit eigenem Vergnügen auf der Leyer spielet, und einen Ring durch die Vorhaut seines Gliedes gezogen hat.“ Die dargebrachte Erklärung Winckelmanns ist zwar wissenschaftlich falsch, dennoch aber schön zu lesen: „Insgemein aber wurde den Sängern, wie es gedachte Figur hat, ein Ring angeleget, aus eben dem Grund, welcher das Verschneiden zur Stimme gelehret.“

Die besondere Ausführlichkeit, die Winckelmann bei einigen Beschreibungen liefert, zeigt sich sehr schön in der Darstellung eines Küchengerätes. Dieses Gerät, welches einen Samowar darstellt, erklärt er so genau, dass sich der Leser ein vollständiges Bild davon machen kann, wo das Wasser oder die Kohle eingefüllt wird und wie das Wasser durch einen Hahn ablaufen kann.

Am Ende widmet sich Winckelmann wieder den Schreibmaterialien und den Papyrifunden. Hier liefert er aber keine neuen Erkenntnisse. Vielmehr bestätigt er das Gesagte aus seiner vorhergegangenen Schrift. Wobei er sich aber auch selbst verbessert, indem er nun sagt, dass die Schreibhölzer durchaus auch einen gespaltenen Schaft haben können.