Die Reisen nach Neapel

Von Rom aus unternimmt Winckelmann insgesamt vier Reisen nach Neapel. Auf diesen Reisen besucht er wiederholt die Ausgrabungen von Pompeji, Herkulaneum, Stabia und anderen Stätten. Ebenso besichtigt er den Tempel von Paestum, sowie die Dörfer Baiae und Cumae. Das Museum in Portici steht immer wieder vorrangig im Interesse seiner Besuche.

Aber in Neapel besichtigt er auch intensiv die Münz- und Vasensammlung des Duca von Carafia Noia. Im Schloss Capodimonte studiert er ausgiebig die antiken Münzen der Kunstsammlung Faranese.

Für eine wohlwollende Aufnahme in Neapel trug Winckelmann auf seiner ersten Reise etliche Empfehlungsschreiben bei sich. Der sächsische Kurprinz Friedrich Christian hatte seiner Schwester Maria Amalia, der Königin beider Sizilien, geschrieben, der Botschafter Beider Siziliens in Rom hatte dem Premierminister in Neapel die Ankunft von Winckelmann angekündigt. Die Kardinäle Archinto und Passionei hatten die Ankunft dem Kaiserlichen Botschafter Karls III. in Neapel gemeldet. Der Abgesandte Neapels in Rom, gab Winckelmann ein Empfehlungsschreiben an den einflussreichem Minister Tanucci mit. Kardinal Spinelle empfahl ihn dem berühmten Altphilologen Mazzochi.

Stolz verkündet er in einem Brief: „Ich bin von dem Chur-Prinzen aus eigenem Betrieb an die Königin recommendieret, ich soll den Churpr. von allen unterrichten, ich komme mit einem großen Ruf nach Neapel, an alle großen Häuser als ein Freund empfohlen …“ Er hoffte somit „eine längst gewünschte vollständige und wahre Beschreibung von allen geben (zu) können.“

Bei seinem Eintreffen in Neapel wird ihm aber erst einmal der Eintritt zu den Ausgrabungen und zu dem Museum verweigert. Winckelmann sah sich einen Komplott ausgesetzt. Denn die neapeleischen Gelehrten waren scheinbar in Unruhe versetzt worden und sahen ihre Autorität in Gefahr. Endlich konnte er doch „dem König seine Wünsche vortragen und erhielt freien Zugang zur Sammlung in Portici, die er im Verlauf seines fünfwöchigen Aufenthaltes wohl recht genau kennenlernen konnte.“ Über das Museum schreibt er: „Von Portici mag ich nicht anfangen zu reden, denn ich würde kein Ende finden“. Dennoch schenkte er den Marmorskulpturen im Museum von Portici bei seiner ersten Neapelreise noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit, da er sie als mittelmäßig einschätzte. Sein Augenmerk richtete er vielmehr auf die Oktober 1752 gefundenen Papyri. Von dem Inhalt – Abhandlungen in griechischer Sprache von dem Epikureer Philodeemus – ist er enttäuscht. Daher geht er später in seinem „Sendschreiben“ mehr auf die Technik der Entrollung der verkohlten Papyri und die Benutzung von antiken Schreibmaterialien ein, denn auf den Inhalt.

Zur zweiten Reise im Jahr 1762 (Januar-Februar) ist anzumerken, dass er sie als Begleiter des 19 jährigen Grafen von Brühl durchführt. Der Sohn des sächsischen Premierministers Heinrich von Brühl befindet sich auf seiner „Grand Tour“. Nach Beendigung der Reise kündigt er in einem Brief eine Publikation seiner Eindrücke und seiner Erkenntnisse an: „Ich habe viel Bogen von Anmerkungen zurück gebracht, die mich in Stand setzen, eine besondere Schrift über die Herculaneischen Alterthümer aufzusetzen, welche bereits in meinem Kopfe entworfen ist“. Diese Schrift erscheint im November 1762. Sie ist dem jungen Grafen von Brühl gewidmet.

Im Frühjahr 1764 (Februar-März) begleitete Winckelmann wieder junge Reisende auf ihrer „Grand Tour“ nach Neapel, es ist nunmehr seine dritte Reise. Er sammelt hierbei reichlich Material und Eindrücke, die ihn veranlassten, von seiner vorherigen Absicht einer Überarbeitung der „Sendschreiben“ Abstand zu nehmen, um stattdessen eine Fortsetzung zu publizieren. Die Schrift „Nachrichten von den neuesten Herculaneischen Entdeckungen“ widmete er auch dieses Mal wieder einem seiner Reisegefährten, dem Schweizer Johann Füssli. Sie erscheint im Herbst 1764.

Die vierte Reise im Jahr 1776 (September-November) stand unter keinem guten Stern. Mittlerweile waren die „Sendschreiben“ in französischer Übersetzung herausgeben worden. Und hatten für Verstimmung bei den Gelehrten von Neapel gesorgt; Zum Einen wegen den Angriffen Winckelmanns auf ihre Person zum Anderen hatte er die Publikationsrechte der Herkulaneischen Akademie verletzt.

Der Grund für diese Reise war die Vorbereitung zu einer Schrift über Vasen. Er hatte im Januar 1767 von Lord Hammilton den Auftrag bekommen, dessen Vasen seiner Antikensammlung zu publizieren. Winckelmann sollte die Interpretationen zu den Motiven und Darstellungen liefern.